Geschichte als strategisches Kapital

Mit „historizing!“ übersetzt Dr. Friederike Hehle (Jg. 1977), Kunsthistorikerin und Betriebswirtin, Unternehmensgeschichte in strategisches History Marketing und macht Herkunft zum wirksamen Kommunikationsmittel.

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Sie stehen im 13. Jahr. Was hat sich mittlerweile geändert?
Friederike Hehle: Zu Beginn habe ich vielfach allein gearbeitet. Schon bald zog ich projektbezogen Freelancer im gesamten DACH-Raum für Recherche und Umsetzung hinzu. Das Netzwerk ist gewachsen – ebenso die schönen Aufgaben: vom Buchprojekt „175 Jahre Wirtschaftskammer“ bis zu „70 Jahre ALPLA“, einem umfangreichen Konzernporträt über die Entwicklung dieses international tätigen Unternehmens. In der Vergangenheit durfte ich weitere Jubiläen begleiten, etwa „50 Jahre ZM3“, „170 Jahre Bäckerei Mangold“ und 100 Jahre Braun Apotheke Lustenau ebenso wie „80 Jahre Wilhelm + Mayer“, 350 Jahre Stadt-Apotheke Bregenz, 125 Jahre Raiffeisen am Bodensee oder die 120-jährige Geschichte der Bierhalle Dornbirn (heute Minigolfplatz).

Wie lange dauert ein solches Jubiläumsbuchprojekt?
Friederike Hehle: Ideal sind rund zwei Jahre Vorlauf: Im ersten Jahr stehen Abstimmungen und vertiefte Recherchen im Mittelpunkt, im zweiten die redaktionelle Umsetzung bis zur Drucklegung. Ich habe selbst im Marketing gearbeitet und bin historisch ausgebildet und verbinde damit zwei Welten.

Spüren Sie die derzeitige wirtschaftliche Situation?
Friederike Hehle: Meine Kundinnen und Kunden entscheiden sich sehr bewusst für Projekte wie eine Chronik oder ein Buch zur Aufarbeitung ihrer Unternehmensgeschichte. Solche Vorhaben sind keine Spontanentscheidungen, sondern strategische Investitionen in Identität und langfristige Positionierung. Da ich seit vielen Jahren am Markt tätig bin, kommen inzwischen Kundinnen und Kunden der ersten Generation wieder auf mich zu, um neue Projekte zu entwickeln. Aus meiner Erfahrung und der genauen Kenntnis ihrer Geschichte kann ich sie fundiert und passgenau beraten.

Was erfüllt Sie besonders an Ihrer Tätigkeit?
Friederike Hehle: Vor allem die Rückmeldungen. Beim ALPLA-Buch kamen sie aus der ganzen Welt: Mitarbeitende, die erwähnt werden oder an bestimmten Meilensteinen und Aufbauphasen beteiligt waren, erkennen sich in der Geschichte wieder. Sie erleben Wertschätzung und freuen sich darüber. Das stärkt zugleich die Bindung an das Unternehmen. Die Wirkung erfolgt, wenn das Werk vorliegt. Das ist für die Auftraggebenden wie mich selbst eine höchst positive Erfahrung – es mit warmen Händen jemandem überreichen und sagen, schau, hier ist unsere Geschichte.

Wie steht es um digitale Hilfsmittel und KI?
Friederike Hehle: Immer mehr Archivalien werden digital zugänglich. Die sogenannten Verfachbücher – Vorläufer des Grundbuchs – waren früher nur als handschriftliche Bücher verfügbar, heute sind sie alle kostenlos einsehbar. Kirchenbücher sind ohnehin digital abrufbar, dazu kommen Transkriptionsprogramme und zahlreiche weitere Hilfsmittel. Und jetzt natürlich KI-Tools: Wenn es jedoch um das Einordnen geht – also darum, welche Narrative erzählenswert sind und was wirklich relevant ist –, stößt KI an Grenzen. Diese Auswahl- und Deutungsarbeit bleibt menschlich. Und nicht zuletzt gibt es auch Datenschutzfragen: Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen lassen sich nicht einfach in Programme einspeisen und verwerten.

Sie haben ein Projekt für die Zukunft geplant?
Friederike Hehle: Ich arbeite an einem Buch über meine Tätigkeit. Es soll mein Handwerk transparent machen: zeigen, was ich konkret anbiete und wie Unternehmensgeschichte dazu beiträgt, Positionierung und Strategie fundiert zu schärfen. Denn wer die eigene Herkunft kennt, kann die Zukunft gezielter gestalten. Oder, wie Wolf Lotter treffend sagt: „Wenn wir wissen, wer wir sind, können wir werden, was wir wollen.“

Danke für das Gespräch! Andrea Fritz-Pinggera

Foto: Angela Lamprecht

 

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