Interview des Monats: „Es geht eigentlich immer ums Gold...“
Karin Guldenschuh (Jg. 1970) führt ein Büro für Kommunikation, ist Unternehmensberaterin und Autorin. Mit dem von ihr gegründeten IRMHILD Workspace in Bregenz schuf sie einen Raum, der strategische Reflexion ebenso ermöglicht wie begleitete Entwicklungsprozesse.
Ihr Kommunikationsmodell „Wirksam erzählen“ positioniert Storytelling klar als strategisches Instrument?
Karin Guldenschuh: „Ich arbeite dabei mit dem Bild des Goldschürfens. Es geht nicht um das Erfinden, sondern um das Finden von etwas Wertvollem, das bereits vorhanden ist. In diesem oft noch verborgenen Material liegt die Substanz. Dieses Gold freizulegen, ist für mich entscheidend. Wirksam wird eine Erzählung dort, wo sie mit Identität zu tun hat. Mich interessieren identitätsstiftende Narrative. Sie haben Kraft, weil sie etwas in Bewegung bringen können. Storytelling liegt mir auch deshalb, weil ich aus dem Journalismus komme und immer schon so gearbeitet habe: genau hinsehen, Relevantes herausarbeiten und daraus etwas entwickeln, das trägt. Wenn aus solchen Fundstücken Erzählungen entstehen, die Klarheit schaffen und auch Emotionen auslösen, dann wird Kommunikation wirksam.“
Mit dem IRMHILD Workspace haben Sie einen eigenen Raum für strategische Reflexion und Entwicklung geschaffen?
Karin Guldenschuh: „Mein Ansatz ist co-kreativ. Ich arbeite nicht für jemanden, sondern mit den Menschen. Dazu gehören je nach Aufgabe auch Gestalter:innen, Fotograf:innen oder andere Kreative. Je früher im Prozess diese Zusammenarbeit beginnt, desto besser. Dafür habe ich mit IRMHILD einen Raum geschaffen, der Fülle und Leere in Balance hält. Er ist nicht clean, sondern inspirierend, ein historischer Raum mit Vorleben, aber keineswegs museal. Mich beschäftigt dabei auch der Gedanke der vorbereiteten Umgebung, wie man ihn aus der Montessori-Pädagogik kennt: Ein Raum kann Bedingungen schaffen, aber was daraus entsteht, entwickeln die Menschen. Ich arbeite an der Schnittstelle von analytischem Denken und kreativer Intuition. Dafür braucht es Raum, Zeit und Energie. Genau diese Bedingungen bietet IRMHILD. Wenn ein Prozess weiter fortgeschritten ist, kann vieles später auch online stattfinden.“
Sie arbeiten in der Markenentwicklung mit systemischer Prozessmoderation und existenzieller Gesprächsführung?
Karin Guldenschuh: „Am Anfang jedes Projekts steht für mich das Verstehen. Und dieses Verstehen hat mehrere Ebenen. Eine davon ist die systemische: Welche Fragen müssen geklärt werden, damit ein Vorhaben gelingen kann? Wer gehört dazu? Welche Personen oder Perspektiven sind wesentlich? Im Lauf eines Prozesses zeigt sich oft, wer noch eingebunden werden sollte. Sobald ein co-kreatives Team zusammenkommt, entsteht ein System. Genau dafür habe ich mein Modell ‚Wirksam erzählen‘ entwickelt. Es ist skalierbar – vom EPU bis zum Konzern, vom Markenprozess bis zum Buchprojekt. Verstehen kann ich nur mit präziser Wahrnehmung im weitesten Sinn: Was zeigt sich auf systemischer Ebene, und wie lässt sich das kreative Potenzial einer Gruppe sichtbar machen? Dabei arbeite ich mit systemischer Moderation und mit einer hohen gegenwärtigen Präsenz im Prozess. Denn erfolgreiches Storytelling setzt umfassendes Storylistening voraus.“
Wie hilft die existenzielle Gesprächsführung bei „Wirksam erzählen“?
Karin Guldenschuh: „Oft wird sehr viel kommuniziert, bevor klar ist, worum es eigentlich geht. Zur Klarheit kann auch die personale Perspektive beitragen: wie steht eine Person hier und jetzt in der Welt. Was hat sie für Möglichkeiten und Fähigkeiten, was für Vorlieben, was passt zu ihr, was ist stimmig und sinnvoll. Wenn diese Ebene sichtbar wird, entsteht häufig ein starker Treiber für den weiteren Prozess. Mich interessiert, worum es jemandem im Kern geht, welche Grundmotivationen dahinterliegen. Dafür gibt es eigene Fragetechniken. Die existenzielle Gesprächsführung, mit der ich arbeite, kennt man eher aus anderen Kontexten; bei mir dient sie im unternehmerischen Umfeld vor allem der Klärung und Führung – sehen, was sich zeigt. In einer sehr unruhigen, oft auch überfordernden Zeit brauchen viele Menschen zuerst eine Sprache für das, was sie bewegt. Daraus entsteht Klarheit – und aus Klarheit wieder Handlungsfähigkeit. Dann lässt sich Kommunikation als Hebel für Menschen und Unternehmen viel gezielter entwickeln.“
Mit den Textplakaten an zwei Liftstationen am Arlberg haben Sie einen ungewöhnlichen Kommunikationsraum gewählt. Was hat Sie daran gereizt?
Karin Guldenschuh: „Ich wollte ein Statement setzen mit meinem Claim ‚Wirksam erzählen‘ und das Bild des Goldschürfens ins Gespräch bringen. Dieses ist Teil meiner eigenen Geschichte, und ich denke Kommunikation immer auch crossmedial. Out-of-Home-Medien sind als analoge Form sehr interessant, wenn es um Aufmerksamkeit geht. An den zwei Liftstationen in Oberlech ist das Plakat jeweils sehr unmittelbar präsent. Die Menschen sind dort in ihrer freien Zeit, sie nehmen anders wahr, denken darüber nach und sprechen darüber. Mich hat gereizt, als Kommunikationsexpertin selbst einen neuen Weg auszuprobieren. Die Reaktionen darauf waren anspornend. Ein Plakat muss eine klare Botschaft haben. Ich weiß sehr genau, was ich sagen will, und habe dies deshalb genau jetzt plakativ sichtbar gemacht. Dahinter steht natürlich mein ganzer Werkzeugkoffer – von systemisch über existenziell bis strategisch und handwerklich. Im Kern geht es aber immer um die richtigen Fragen, um Substanz und Relevanz und nicht zuletzt auch um Eleganz!“
Danke für das Gespräch! Andrea Fritz-Pinggera
Kontakt:
https://www.karinguldenschuh.at/
https://irmhild-workspace.at/en/
Bildtext: "Das Besondere an meiner Welt ist: Ich vereine das Beratende und das Kreative."
Foto: Magdalena Türtscher, Büro Magma https://buero-magma.com/