Interview des Monats: Wenn Erfahrung neu startet
Nach dreieinhalb Jahrzehnten im Atelier Stecher startete Thomas Matt - anfangs unverhofft - in die Selbstständigkeit.
Thomas Matt (Jg. 1966) ist Grafiker, Gestalter und Illustrator. Nach einer begonnenen Schilderherstellerlehre wechselte er an die renommierte Kunstgewerbeschule Graz, Ortweinplatz. Ein Ferialpraktikum beim Grafiker Harry Marte wurde zum beruflichen Ausgangspunkt: Dort lernte er Roland Stecher kennen, mit dem er anschließend über dreieinhalb Jahrzehnte arbeitete – zuerst im Wirtschaftspark, später im Atelier in Götzis. Ende 2024 machte sich Thomas Matt selbstständig. Ein Schritt, der nicht geplant war, aber neue Räume geöffnet hat.
Nach 35 Jahren im Atelier Stecher war der Schritt in die Selbstständigkeit ein Bruch. Wie haben Sie diesen Moment erlebt?
Thomas Matt: „Ab einer gewissen Anzahl an Lebensjahren sind Brüche zwangsläufig und oft leider auch eine häufiger werdende Sache. Irgendwie machen einen die meisten davon stärker und besser vorbereitet für den nächsten. Der Verlust meines Angestelltenjobs war zuerst natürlich ein Riesenschock. Interessanterweise wich dieser Schock aber nach sehr kurzer Zeit einem Gefühl der Erleichterung. Ich hatte durch Überstunden und Resturlaub den Luxus, zwei Monate nichts tun zu müssen. Diese Zeit habe ich ausschließlich für Dinge genutzt, für die in den Jahren davor nie genügend Zeit geblieben war. Ich habe mir auch vorgenommen, nicht über die Zukunft nachzugrübeln. Das hat größtenteils sehr gut funktioniert.“
An welchem Punkt wurde aus diesem Verlust der Fixanstellung eine Chance?
Thomas Matt: „Dieses Innehalten hat den Blick auf die Möglichkeiten eines Neubeginns geöffnet. Ich habe nicht einmal ausgeschlossen, etwas völlig anderes zu machen. Da Roland Stecher sich künftig auf Ausstellungsdesign fokussieren und im Grafikbereich nicht mehr tätig sein wollte, meldeten sich in dieser Zeit erste Kundinnen und Kunden, die gerne weiter mit mir zusammenarbeiten wollten. Diese Wertschätzung meiner Arbeit und meiner Person hat mich enorm gestärkt. Ende 2024 stand für mich fest, nicht länger zu hinterfragen oder nachzugrübeln, sondern einfach in die Selbstständigkeit zu starten. Aus heutiger Perspektive war es die richtige Entscheidung. Ich habe selten so viel fürs Leben gelernt wie in den vergangenen zwei Jahren.“
Dreieinhalb Jahrzehnte in einem Atelier sind ein enormes Fundament. Welche Projekte sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Thomas Matt: „Am eindrücklichsten war für mich sicher ein Animationsprojekt für die Burg Heinfels in Osttirol. Wir durften dort – vermittelt durch das Büro Rath & Winkler Ausstellungskonzeptionen aus Innsbruck – die Dauerausstellung gestalten. Bei einer Teambesprechung wurde erwähnt, dass vier animierte Kurzfilme gebraucht würden. Ich habe ohne langes Überlegen gesagt: Ich habe das noch nie gemacht, weiß auch noch nicht wie, aber es war schon immer mein Traum. Peter Leiter von der Burg Heinfels antwortete ganz cool: Wenn der Thomas das so gerne machen möchte, dann soll er das auch. Das war ein Megagefühl. Natürlich habe ich mich später hundertmal verflucht und Blut geschwitzt. Aber ich habe die Geschichten animiert und sie gemeinsam mit einer Drehbuchautorin, einem Tongestalter und externem Profi-Schnitt zum Leben erweckt.“
Aus diesem Projekt ergab sich später ein weiterer Animationsfilm?
Thomas Matt: „Ja. Aus diesem Umfeld kam die Empfehlung für einen Animationsfilm der Diözese Innsbruck und des Bildungshauses Osttirol. Im vergangenen Jahr durfte ich das Drehbuch schreiben und die Animation über Maria Magdalena umsetzen. Solche Projekte sind besonders, weil man Neuland betritt und trotzdem merkt: Da ist etwas, das schon lange in einem gearbeitet hat. Dazu kommt der von mir gestaltete Ausstellungskatalog ‚Ich Felder. Dichter und Rebell‘ für das vorarlberg museum, der zu den schönsten Büchern Österreichs ausgewählt wurde. Auch das war ein Projekt, das für mich große Bedeutung hat.“
Welche Arbeitsbeziehung war für Sie über die Jahre besonders prägend?
Thomas Matt: „Die schönste und langjährigste Arbeitsbeziehung war, ist und bleibt hoffentlich jene mit dem Jüdischen Museum Hohenems. Hier waren wir beinahe von Anfang an dabei. Dieses außergewöhnliche Haus mit immer neuen Ausstellungshöhepunkten und seinem genialen Team über all die Jahre zu begleiten und visuell nach außen präsentieren zu dürfen, ist schon eine Sache, die mich mit Freude und auch Stolz erfüllt. Wir haben auch viele Male die Ausstellungen selbst gestalten dürfen. Solche langen Verbindungen sind in der Kreativarbeit etwas sehr Wertvolles. Man wächst mit den Themen, mit den Menschen und auch mit den Ansprüchen.“
In der Selbstständigkeit trägt man plötzlich alles selbst: Kalkulation, Kundengespräche, Verantwortung. Wie gehen Sie damit um?
Thomas Matt: „Da wir im Atelier Stecher immer ein sehr kleines Team waren und ich das Privileg hatte, Projekte bis auf Angebot und Rechnungsstellung komplett selbst durchzuziehen, war ich natürlich gut vorbereitet. Durch die übernommenen Kunden, zu denen im vergangenen Jahr auch neue gekommen sind, musste ich mir über Akquise und Positionierung bisher keine großen Gedanken machen. Ich hoffe natürlich, dass das so bleibt. Aber wir leben in einer bewegten Zeit. Ich höre vieles aus der Kreativbranche, das mich beunruhigt. Manche steigen aus, machen etwas völlig Neues oder lernen neu um. In meiner Situation und in dieser Zeit rascher Veränderungen, die nicht nur unsere Branche, sondern die ganze Gesellschaft betreffen, maße ich mir keine Ratschläge an.“
Was würden Sie Kreativen mitgeben, die in einer ähnlichen Lebenssituation stehen?
Thomas Matt: „Seien wir ehrlich: Kreative Berufe sind Knochenjobs, in denen man eigentlich nie Feierabend hat, weil Kreativität nicht dem 9-to-5-Rhythmus folgt. Aber sie sind auch eine Leidenschaft und belohnen deine Bemühungen immer wieder aufs Neue. Wenn es sich mit dem Privatleben vereinbaren lässt und die Miete zahlt, ist das ein Traum. Falls das nicht mehr funktioniert: Kopf hoch und ab in ein neues Leben. Für mich passt im Moment ein Satz sehr gut: einfach stets vorwärts.“
Danke für das Gespräch! Andrea Fritz-Pinggera
Foto: Thomas Matt mit seinem neuesten Ausstellungskatalog für das Angelika-Kauffmann-Museum Schwarzenberg. afp
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