Wo KI aufhört und Textarbeit beginnt
Dr. Daniel Perrin und Dr. Marlies Whitehouse über KI im Agenturalltag, unverwechselbare Texte und die letzten zehn Prozent beim Schreiben.
Ihre Keynote bei den "5 days of Creativity" (3. 11., 18 Uhr) heißt „Warum dein Kopf nicht kündigen darf!“. Welche Arbeit am Text kann uns KI abnehmen und welche müssen wir selbst leisten?
KI imitiert den Durchschnitt, per Definition. Wo mehr gefragt ist, braucht es den Menschen.
Sie erforschen, wie professionelle Texte entstehen. Welche Arbeitsschritte werden von außen unterschätzt?
Im Schreibfluss bleiben – und aufhören können, solange der Text noch gut ist.
Im Agenturalltag liegt oft schon ein KI-Entwurf auf dem Tisch, bevor die eigentliche Textarbeit beginnt. Hilft diese Vorlage beim Denken oder legt sie uns zu früh fest? Wie gehen Sie damit um?
Ich schreibe zuerst selbst, dann schaue ich, was KI anders machen würde, und übernehme meist so 20 % davon.
Sie wollen zeigen, wie wir „gegen den Strom schreiben“ können. Können Sie an einem Beispiel erklären, welche sprachliche Entscheidung einen gefälligen Text zu einem wirksamen macht?
Zum Beispiel der überraschende Anfang. Der ist nie der, den die meisten bisher gesetzt haben und den deshalb die KI übernimmt.
Ein Unternehmen will unverwechselbar klingen, bestellt aber Texte per Knopfdruck. Was müssen Kreative über dieses Unternehmen und sein Publikum wissen, damit mehr entsteht als eine gut formulierte Branchenfloskel?
Sie müssen wissen, wie man dem Kunden erklärt, dass er per Knopfdruck nur Durchschnitt bekommt – und ziemlich genau das Gleiche wie die Konkurrenz.
Kund:innen erwarten durch KI schnellere und günstigere Texte. Was lässt sich guten Gewissens beschleunigen, wo geht das jedoch auf Kosten der Qualität?
Routinetexte, die niemand je gern geschrieben hat, sind ideale Fälle für KI.
Wer schreiben lernt, muss Sätze ausprobieren, verwerfen und neu bauen. Wie würden Sie heute junge Texter in einer Agentur ausbilden, in der KI selbstverständlich zum Arbeitsalltag gehört?
So wie Musiker in einer Welt der MP3-Player. In der Nische ist genug Platz für Exzellenz, und die macht es am Ende aus. KI kann der Kunde selbst; die Agentur braucht es für die professionelle Arbeit.
Wenn Sie mit Kreativen einen KI-Text überarbeiten: Wo setzen Sie zuerst an? Was können auch erfahrene Schreibende dabei über die eigene Arbeit lernen?
Peerfeedback, das Feilschen um Feinheiten, die letzten zehn Prozent, die Leidenschaft, mit Wörtern wirklich zu bewegen.
Danke für das Gespräch! Andrea Fritz-Pinggera